DFG-Projekt (2001-2004)
Marianne Schmidl und ihr unveröffentlichtes Manuskript über „Halbgeflochtene Körbe in Afrika“ – Eine als Jüdin verfolgte Ethnologin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Marianne Schmidl promovierte 1916 an der Universität Wien als erste Frau im Fach Völkerkunde in einem deutschsprachigen Land mit ihrer Studie „Zahl und Zählen in Afrika“ (1915). Nach Tätigkeiten an Museen in Wien, Berlin, Stuttgart und Weimar konnte sie trotz zahlreicher positiver Gutachten namhafter Völkerkundler keine Anstellung in einer fachspezifischen Einrichtung finden; Männer wurden bei der Stellenvergabe nachweislich bevorzugt. Dennoch ging sie neben ihrer Vollzeitanstellung, die sie schließlich an der Österreichischen Nationalbibliothek erhielt, ihren völkerkundlichen Studien nach. Sie forschte in Bulgarien, hielt Vorträge, beteiligte sich an Festschriften und publizierte weitere, mitunter viel beachtete Beiträge. Ihr Hauptinteresse galt aber ihrer kulturhistorischen Studie über afrikanische Körbe. 1926 erhielt sie die Zusage von Fritz Krause aus Leipzig, dass das Staatlich-Sächsische Forschungsinstitut für Völkerkunde sie bei dieser Studie ohne Fristsetzung subventioniere.
Weiterhin an der Nationalbibliothek beschäftigt, widmete sie sich in zahlreichen westeuropäischen Museen afrikanischen Korbarbeiten, diskutierte in Wien mit Fachkolleginnen und -Kollegen und gehörte etwa der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Afrikanische Kulturgeschichte an. Akademisch sozialisiert von Fachvertretern ganz unterschiedlicher, teils konträrer Ausrichtungen (z.B. Michael Haberlandt, Rudolf Pöch, Bernhard Ankermann), löste sich Schmidl von einem starren diffusionistischen Ansatz, dem oftmals die Hypothese eines einseitigen Kulturtransfers zugrunde lag, betonte vielmehr die Wechselseitigkeit kultureller Beeinflussung und erblickte darin nichts Negatives. Ihr Vorhaben, im Rahmen ihrer Korb-Studie die Geschichte jeder afrikanischen Gesellschaft zu erforschen, konnte sie jedoch allein und in absehbarer Zeit nicht bewältigen.
Als Folge des sog. „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde Marianne Schmidl aufgrund ihres jüdischen Familienhintergrundes aus dem Bibliotheksdienst entlassen und von Otto Reche, seit 1927 Leiter des Staatlich-Sächsischen Forschungsinstituts für Völkerkunde, gezwungen, ihm ihre unvollendete wissenschaftlichen Studie über afrikanische Korbflechtarbeiten auszuhändigen. Marianne Schmidl überlebte den Nationalsozialismus nicht; sie wurde 1942 nach Izbica deportiert und kam dort oder in einem der Vernichtungslager (Sobibór oder Belzec) gewaltsam ums Leben.
Trotz ihrer, laut Gutachten von Fritz Krause und Johannes Lehmann als wertvoll erachteten Arbeit, war ihr Studie über afrikanische Körbe nie veröffentlicht worden. Im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes wurde eine wissenschaftliche Biographie von Marianne Schmidl erstellt und das Manuskript publikationsgerecht aufbereitet.
Publikationen:
- Marianne Schmidl (1890–1942). In: Zeitschrift für Ethnologie 127 (2002): 269–300.
- Marianne Schmidl (1890–1942). Das unvollendete Leben und Werk einer Ethnologin. Enthält das unvollendete Manuskript von Marianne Schmidl „Afrikanische Spiralwulstkörbe“ (Veröffentlichungen des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig, Reihe Fachgeschichte, Band 3). Leipzig 2005.
- Jüdische Lebenslinien in der Wiener Völkerkunde vor 1938: Das Beispiel Marianne Schmidl. In: A.Gingrich, P. Rohrbacher (Hrsg.), Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien (1938-1945), Institutionen, Praktiken und Biographie-zentrierte Netzwerke. Wien: Verlag der ÖAW 2021.
- Verfolgung, Deportation und Ermordung – Die letzten Lebensjahre von Marianne Schmidl. In: A. Gingrich, P. Rohrbacher (Hrsg.), Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien (1938-1945), Institutionen, Praktiken und Biographie-zentrierte Netzwerke. Wien: Verlag der ÖAW 2021.
- Marginalized in Central European Anthropology and Persecuted as a Jew: The Case of Marianne Schmidl. In: History of Anthropology Review 2022. Online: https://histanthro.org/notes/marianne-schmidl/
- Schmidl, Therese Marianne Luise Emilie Marie. In: NDB-online 2024. Online: https://www.deutsche-biographie.de/130691542.html#dbocontent.
Gedenkstein für Marianne Schmidl
2017 wurde auf Initiative von Katja Geisenhainer und mit finanzieller Unterstützung des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Anthropologischen Gesellschaft in Wien ein Gedenkstein am letzten Wohnort von Marianne Schmidl, in der Eichendorffgasse 7 in Wien verlegt.
Interaktionen und fachliche Vernetzungen
in der Geschichte der Ethnologie
Interactions and Professional Networks
in the History of Ethnology/Cultural Anthropology